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Kapitel 3. Schnitte

§ 1. Definition

Definition 28: Eine Menge von rationalen Zahlen heißt Schnitt, wenn

  1. sie eine rationale Zahl, aber nicht jede rationale Zahl enthält;

  2. jede rationale Zahl der Menge kleiner ist als jede nicht zur Menge gehörige rationale Zahl;

  3. in ihr keine größte rationale Zahl vorkommt (d. h. Zahl, die größer als jede etwaige andere, von ihr verschiedene ist).

Man nennt auch die Menge Unterklasse, die Menge der nicht in ihr enthaltenen rationalen Zahlen Oberklasse und redet entsprechend von Unterzahlen und Oberzahlen.

Kleine griechische Buchstaben bedeuten durchweg, wenn nichts anderes gesagt wird, Schnitte.

Definition 29:

ξ=η\xi = \eta

(== sprich: gleich), wenn jede Unterzahl bei ξ\xi Unterzahl bei η\eta und jede Unterzahl bei η\eta Unterzahl bei ξ\xi ist.

Mit anderen Worten: wenn die Mengen identisch sind.

Anderenfalls

ξη\xi \neq \eta

(\neq sprich: ungleich).

Trivial sind die drei Sätze:

Satz 116: ξ=ξ\xi = \xi.

Satz 117: Aus

ξ=η\xi = \eta

folgt

η=ξ.\eta = \xi.

Satz 118: Aus

ξ=η,η=ζ\xi = \eta, \quad \eta = \zeta

folgt

ξ=ζ.\xi = \zeta.

Satz 119: Ist XX Oberzahl bei ξ\xi und

X1>X,X_1 > X,

so ist X1X_1 Oberzahl bei ξ\xi.

Beweis: Folgt aus 2) der Definition 28.

Satz 120: Ist XX Unterzahl bei ξ\xi und

X1<X,X_1 < X,

so ist X1X_1 Unterzahl bei ξ\xi.

Beweis: Folgt aus 2) der Definition 28.

Natürlich ist umgekehrt die Forderung des Satzes 120 mit 2) der Definition 28 identisch. Um also von irgend einer Menge rationaler Zahlen zu zeigen, daß sie ein Schnitt ist, genügt stets der Nachweis von:

  1. Sie ist nicht leer, und es gibt eine rationale Zahl, die nicht darin liegt.

  2. Mit jeder ihrer Zahlen gehört jede kleinere dazu.

  3. Zu jeder ihrer Zahlen gibt es in ihr eine größere.

§ 2. Ordnung

Definition 30: Sind ξ\xi und η\eta Schnitte, so ist

ξ>η\xi > \eta

(>> sprich: größer als), wenn es eine Unterzahl bei ξ\xi gibt, die Oberzahl bei η\eta ist.

Definition 31: Sind ξ\xi und η\eta Schnitte, so ist

ξ<η\xi < \eta

(<< sprich: kleiner als), wenn es eine Oberzahl bei ξ\xi gibt, die Unterzahl bei η\eta ist.

Satz 121: Aus

ξ>η\xi > \eta

folgt

η<ξ.\eta < \xi.

Beweis: Es gibt eben eine Oberzahl bei η\eta, die Unterzahl bei ξ\xi ist.

Satz 122: Aus

ξ<η\xi < \eta

folgt

η>ξ.\eta > \xi.

Beweis: Es gibt eben eine Unterzahl bei η\eta, die Oberzahl bei ξ\xi ist.

Satz 123: Sind ξ\xi, η\eta beliebig, so liegt genau einer der Fälle

ξ=η,ξ>η,ξ<η\xi = \eta, \quad \xi > \eta, \quad \xi < \eta

vor.

Beweis: 1)

ξ=η,ξ>η\xi = \eta, \quad \xi > \eta

sind unverträglich nach Definition 29 und Definition 30.

ξ=η,ξ<η\xi = \eta, \quad \xi < \eta

sind unverträglich nach Definition 29 und Definition 31.

Aus

ξ>η,ξ<η\xi > \eta, \quad \xi < \eta

würde folgen, daß es eine Unterzahl XX bei ξ\xi gibt, die Oberzahl bei η\eta ist, und eine Oberzahl YY bei ξ\xi, die Unterzahl bei η\eta ist. Nach 2) der Definition 28 wäre also zugleich

X<Y,X>Y.X < Y, \quad X > Y.

Folglich liegt höchstens einer der drei Fälle vor.

  1. Ist
ξη,\xi \neq \eta,

so stimmen die Unterklassen nicht überein. Also ist entweder eine gewisse Unterzahl bei ξ\xi Oberzahl bei η\eta und alsdann

ξ>η,\xi > \eta,

oder eine gewisse Unterzahl bei η\eta Oberzahl bei ξ\xi und alsdann

ξ<η.\xi < \eta.

Definition 32:

ξη\xi \geqq \eta

bedeutet

ξ>η oder ξ=η.\xi > \eta \text{ oder } \xi = \eta.

(\geqq sprich: größer oder gleich.)

Definition 33:

ξη\xi \leqq \eta

bedeutet

ξ<η oder ξ=η.\xi < \eta \text{ oder } \xi = \eta.

(\leqq sprich: kleiner oder gleich.)

Satz 124: Aus

ξη\xi \geqq \eta

folgt

ηξ.\eta \leqq \xi.

Beweis: Satz 121.

Satz 125: Aus

ξη\xi \leqq \eta

folgt

ηξ.\eta \geqq \xi.

Beweis: Satz 122.

Satz 126 (Transitivität der Ordnung): Aus

ξ<η,η<ζ\xi < \eta, \quad \eta < \zeta

folgt

ξ<ζ.\xi < \zeta.

Beweis: Es gibt eine Oberzahl XX bei ξ\xi, die Unterzahl bei η\eta ist; und eine Oberzahl YY bei η\eta, die Unterzahl bei ζ\zeta ist. Wegen der Schnitteigenschaft 2) von η\eta ist

X<Y,X < Y,

also YY Oberzahl bei ξ\xi. Daher ist

ξ<ζ.\xi < \zeta.

Satz 127: Aus

ξη,η<ζ oder ξ<η,ηζ,\xi \leqq \eta, \quad \eta < \zeta \text{ oder } \xi < \eta, \quad \eta \leqq \zeta,

folgt

ξ<ζ.\xi < \zeta.

Beweis: Mit dem Gleichheitszeichen in der Voraussetzung klar; sonst durch Satz 126 erledigt.

Satz 128: Aus

ξη,ηζ\xi \leqq \eta, \quad \eta \leqq \zeta

folgt

ξζ.\xi \leqq \zeta.

Beweis: Mit zwei Gleichheitszeichen in der Voraussetzung klar; sonst durch Satz 127 erledigt.

§ 3. Addition

Satz 129: I) Es seien ξ\xi und η\eta Schnitte. Dann ist die Menge der rationalen Zahlen, die sich in der Form X+YX + Y darstellen lassen, wo XX Unterzahl bei ξ\xi, YY Unterzahl bei η\eta ist, ein Schnitt.

II) Keine Zahl dieser Menge läßt sich als Summe einer Oberzahl bei ξ\xi und einer Oberzahl bei η\eta darstellen.

Beweis: 1) Geht man von irgend einer Unterzahl XX bei ξ\xi und irgend einer Unterzahl YY bei η\eta aus, so gehört X+YX + Y zur Menge.

Geht man von irgend einer Oberzahl X1X_1 bei ξ\xi und irgend einer Oberzahl Y1Y_1 bei η\eta aus, so ist für alle Unterzahlen XX bzw. YY bei ξ\xi bzw. η\eta

X<X1,Y<Y1,X < X_1, \quad Y < Y_1,

also

X+Y<X1+Y1,X + Y < X_1 + Y_1, X1+Y1X+Y;X_1 + Y_1 \neq X + Y;

X1+Y1X_1 + Y_1 gehört also nicht zur Menge. Und II) ist schon mitbewiesen.

  1. Es ist zu zeigen, daß jede Zahl, die kleiner als eine Zahl der Menge ist, auch zur Menge gehört. Es sei also XX Unterzahl bei ξ\xi, YY Unterzahl bei η\eta und
Z<X+Y.Z < X + Y.

Dann ist

(X+Y)ZX+Y=Z<(X+Y)1,(X + Y) \cdot \frac{Z}{X + Y} = Z < (X + Y) \cdot 1,

also nach Satz 106

ZX+Y<1,\frac{Z}{X + Y} < 1,

also nach Satz 105

XZX+Y<XX \cdot \frac{Z}{X + Y} < X

und

YZX+Y<Y.Y \cdot \frac{Z}{X + Y} < Y.

Nach der zweiten Schnitteigenschaft bei ξ\xi bzw. η\eta ist also XZX+YX \cdot \frac{Z}{X + Y} bzw. YZX+YY \cdot \frac{Z}{X + Y} Unterzahl bei ξ\xi bzw. η\eta.

Die Summe dieser beiden rationalen Zahlen ist das gegebene ZZ, wegen

XZX+Y+YZX+Y=(X+Y)ZX+Y=Z.X \cdot \frac{Z}{X + Y} + Y \cdot \frac{Z}{X + Y} = (X + Y) \cdot \frac{Z}{X + Y} = Z.
  1. Ist eine Zahl der Menge gegeben, so hat sie die Form X+YX + Y, wo XX Unterzahl bei ξ\xi, YY Unterzahl bei η\eta ist. Man wähle nach der dritten Schnitteigenschaft eine Unterzahl
X1>XX_1 > X

bei ξ\xi; dann ist

X1+Y>X+Y,X_1 + Y > X + Y,

also eine Zahl der Menge >X+Y> X + Y vorhanden.

Definition 34: Der in Satz 129 konstruierte Schnitt heißt ξ+η\xi + \eta (++ sprich: plus). Er heißt auch die Summe von ξ\xi und η\eta oder der durch Addition von η\eta zu ξ\xi entstehende Schnitt.

Satz 130 (kommutatives Gesetz der Addition):

ξ+η=η+ξ.\xi + \eta = \eta + \xi.

Beweis: Jedes X+YX + Y ist auch Y+XY + X und umgekehrt.

Satz 131 (assoziatives Gesetz der Addition):

(ξ+η)+ζ=ξ+(η+ζ).(\xi + \eta) + \zeta = \xi + (\eta + \zeta).

Beweis: Jedes (X+Y)+Z(X + Y) + Z ist auch X+(Y+Z)X + (Y + Z) und umgekehrt.

Satz 132: Bei jedem Schnitt gibt es, wenn AA gegeben ist, eine Unterzahl XX und eine Oberzahl UU mit

UX=A.U - X = A.

Beweis: X1X_1 sei irgend eine Unterzahl. Wir betrachten alle rationalen Zahlen

X1+nA,X_1 + nA,

wo nn ganz ist. Sie sind nicht lauter Unterzahlen; denn ist YY irgend eine Oberzahl, so ist

Y>X1,Y > X_1,

also nach Satz 115 bei passendem nn

nA>YX1,nA > Y - X_1, X1+nA>(YX1)+X1=Y,X_1 + nA > (Y - X_1) + X_1 = Y,

also X1+nAX_1 + nA Oberzahl.

In der Menge der nn, für die X1+nAX_1 + nA Oberzahl ist, gibt es nach Satz 27 eine kleinste ganze Zahl; sie heiße uu.

Ist

u=1,u = 1,

so setze man

X=X1,U=X1+A;X = X_1, \quad U = X_1 + A;

ist

u>1,u > 1,

so setze man

X=X1+(u1)A,U=X1+uA=X+A.X = X_1 + (u - 1) A, \quad U = X_1 + uA = X + A.

Jedesmal ist XX Unterzahl, UU Oberzahl und

UX=A.U - X = A.

Satz 133: ξ+η>ξ\xi + \eta > \xi.

Beweis: YY sei eine Unterzahl bei η\eta. Nach Satz 132 wähle man eine Unterzahl XX bei ξ\xi und eine Oberzahl UU bei ξ\xi mit

UX=Y;U - X = Y;

dann ist

U=X+YU = X + Y

Oberzahl bei ξ\xi und Unterzahl bei ξ+η\xi + \eta. Daher ist

ξ+η>ξ.\xi + \eta > \xi.

Satz 134: Aus

ξ>η\xi > \eta

folgt

ξ+ζ>η+ζ.\xi + \zeta > \eta + \zeta.

Beweis: Es gibt eine Oberzahl YY bei η\eta, die Unterzahl bei ξ\xi ist. Man wähle eine größere Unterzahl

X>YX > Y

bei ξ\xi; XX ist also Oberzahl bei η\eta. Nach Satz 132 wähle man bei ζ\zeta eine Oberzahl ZZ und eine Unterzahl UU mit

ZU=XY.Z - U = X - Y.

Dann ist

Y+Z=Y+((XY)+U)=(Y+(XY))+U=X+U,Y + Z = Y + ((X - Y) + U) = (Y + (X - Y)) + U = X + U,

also Unterzahl bei ξ+ζ\xi + \zeta und (nach Satz 129, II)) Oberzahl bei η+ζ\eta + \zeta. Daher ist

ξ+ζ>η+ζ.\xi + \zeta > \eta + \zeta.

Satz 135: Aus

ξ>η bzw. ξ=η bzw. ξ<η\xi > \eta \text{ bzw. } \xi = \eta \text{ bzw. } \xi < \eta

folgt

ξ+ζ>η+ζ bzw. ξ+ζ=η+ζ bzw. ξ+ζ<η+ζ.\xi + \zeta > \eta + \zeta \text{ bzw. } \xi + \zeta = \eta + \zeta \text{ bzw. } \xi + \zeta < \eta + \zeta.

Beweis: Der erste Teil ist Satz 134, der zweite klar, der dritte eine Folge des ersten wegen

η+ζ>ξ+ζ,\eta + \zeta > \xi + \zeta, ξ+ζ<η+ζ.\xi + \zeta < \eta + \zeta.

Satz 136: Aus

ξ+ζ>η+ζ bzw. ξ+ζ=η+ζ bzw. ξ+ζ<η+ζ\xi + \zeta > \eta + \zeta \text{ bzw. } \xi + \zeta = \eta + \zeta \text{ bzw. } \xi + \zeta < \eta + \zeta

folgt

ξ>η bzw. ξ=η bzw. ξ<η.\xi > \eta \text{ bzw. } \xi = \eta \text{ bzw. } \xi < \eta.

Beweis: Folgt aus Satz 135, da die drei Fälle beide Male sich ausschließen und alle Möglichkeiten erschöpfen.

Satz 137: Aus

ξ>η,ζ>v\xi > \eta, \quad \zeta > v

folgt

ξ+ζ>η+v.\xi + \zeta > \eta + v.

Beweis: Nach Satz 134 ist

ξ+ζ>η+ζ\xi + \zeta > \eta + \zeta

und

η+ζ=ζ+η>v+η=η+v,\eta + \zeta = \zeta + \eta > v + \eta = \eta + v,

also

ξ+ζ>η+v.\xi + \zeta > \eta + v.

Satz 138: Aus

ξη,ζ>v oder ξ>η,ζv\xi \geqq \eta, \quad \zeta > v \text{ oder } \xi > \eta, \quad \zeta \geqq v

folgt

ξ+ζ>η+v.\xi + \zeta > \eta + v.

Beweis: Mit dem Gleichheitszeichen in der Voraussetzung durch Satz 134, sonst durch Satz 137 erledigt.

Satz 139: Aus

ξη,ζv\xi \geqq \eta, \quad \zeta \geqq v

folgt

ξ+ζη+v.\xi + \zeta \geqq \eta + v.

Beweis: Mit zwei Gleichheitszeichen in der Voraussetzung klar; sonst durch Satz 138 erledigt.

Satz 140: Ist

ξ>η,\xi > \eta,

so hat

η+v=ξ\eta + v = \xi

genau eine Lösung vv.

Vorbemerkung: Für

ξη\xi \leqq \eta

gibt es nach Satz 138 keine Lösung.

Beweis: I) Es gibt höchstens eine Lösung; denn für

v1v2v_1 \neq v_2

ist nach Satz 135

η+v1η+v2.\eta + v_1 \neq \eta + v_2.

II) Ich zeige zunächst, daß die Menge der rationalen Zahlen der Form XYX - Y (also X>YX > Y), wo XX Unterzahl bei ξ\xi, YY Oberzahl bei η\eta ist, einen Schnitt bildet.

  1. Wir wissen aus dem Anfang des Beweises des Satzes 134, daß es ein solches XYX - Y gibt.

Keine Oberzahl X1X_1 bei ξ\xi ist ein solches XYX - Y; denn für jede Zahl dieser Form ist

XY<(XY)+Y=X<X1.X - Y < (X - Y) + Y = X < X_1.
  1. Ist ein XYX - Y obiger Art gegeben und
U<XY,U < X - Y,

so ist

U+Y<(XY)+Y=X,U + Y < (X - Y) + Y = X,

also

U+Y=X2U + Y = X_2

Unterzahl bei ξ\xi,

U=X2YU = X_2 - Y

zu unserer Menge gehörig.

  1. Ist ein XYX - Y obiger Art gegeben, so wähle man bei ξ\xi eine Unterzahl
X3>X.X_3 > X.

Dann ist

(X3Y)+Y>(XY)+Y,(X_3 - Y) + Y > (X - Y) + Y, X3Y>XY,X_3 - Y > X - Y,

also X3YX_3 - Y eine größere Zahl unserer Menge als die gegebene XYX - Y.

Unsere Menge ist also ein Schnitt; er heiße vv.

Von ihm werden wir

η+v=ξ\eta + v = \xi

beweisen. Hierzu genügt es, zweierlei zu zeigen:

A) Jede Unterzahl bei v+ηv + \eta ist Unterzahl bei ξ\xi.

B) Jede Unterzahl bei ξ\xi ist Unterzahl bei v+ηv + \eta.

Ad A) Jede Unterzahl bei v+ηv + \eta hat die Form

(XY)+Y1,(X - Y) + Y_1,

wo XX Unterzahl bei ξ\xi, YY Oberzahl bei η\eta, Y1Y_1 Unterzahl bei η\eta und

X>YX > Y

ist. Nun ist

Y>Y1,Y > Y_1, ((XY)+Y1)+(YY1)=(XY)+(Y1+(YY1))=(XY)+Y=X,((X - Y) + Y_1) + (Y - Y_1) = (X - Y) + (Y_1 + (Y - Y_1)) = (X - Y) + Y = X, (XY)+Y1<X,(X - Y) + Y_1 < X,

also (XY)+Y1(X - Y) + Y_1 Unterzahl bei ξ\xi.

Ad B) a) Die gegebene Unterzahl bei ξ\xi sei zugleich Oberzahl bei η\eta und heiße alsdann YY. Man wähle eine Unterzahl XX bei ξ\xi mit

X>YX > Y

und nach Satz 132 bei η\eta eine Unterzahl Y1Y_1 und eine Oberzahl Y2Y_2 mit

Y2Y1=XY.Y_2 - Y_1 = X - Y.

Dann ist

Y>Y1,Y > Y_1,

also

Y2+(YY1)=((XY)+Y1)+(YY1)=(XY)+(Y1+(YY1))=(XY)+Y=X,\begin{aligned} Y_2 + (Y - Y_1) &= ((X - Y) + Y_1) + (Y - Y_1) = (X - Y) + (Y_1 + (Y - Y_1)) \\ &= (X - Y) + Y = X, \end{aligned} YY1=XY2,Y - Y_1 = X - Y_2, Y=(YY1)+Y1=(XY2)+Y1;Y = (Y - Y_1) + Y_1 = (X - Y_2) + Y_1;

also YY Unterzahl bei v+ηv + \eta.

b) Ist die gegebene Unterzahl bei ξ\xi Unterzahl bei η\eta, so ist sie kleiner als jede in a) als Unterzahl bei v+ηv + \eta nachgewiesene rationale Zahl, also selbst Unterzahl bei v+ηv + \eta.

Definition 35: Das vv des Satzes 140 heißt ξη\xi - \eta (- sprich: minus). ξη\xi - \eta heißt auch die Differenz ξ\xi minus η\eta oder der durch Subtraktion des η\eta von ξ\xi entstehende Schnitt.

§ 4. Multiplikation

Satz 141: I) Es seien ξ\xi und η\eta Schnitte. Dann ist die Menge der rationalen Zahlen, die sich in der Form XYXY schreiben lassen, wo XX Unterzahl bei ξ\xi, YY Unterzahl bei η\eta ist, ein Schnitt.

II) Keine Zahl dieser Menge läßt sich als Produkt einer Oberzahl bei ξ\xi und einer Oberzahl bei η\eta darstellen.

Beweis: 1) Geht man von irgend einer Unterzahl XX bei ξ\xi und irgend einer Unterzahl YY bei η\eta aus, so gehört XYXY zur Menge.

Geht man von irgend einer Oberzahl X1X_1 bei ξ\xi und irgend einer Oberzahl Y1Y_1 bei η\eta aus, so ist für alle Unterzahlen XX bzw. YY bei ξ\xi bzw. η\eta

X<X1,Y<Y1,X < X_1, \quad Y < Y_1,

also

XY<X1Y1,XY < X_1 Y_1, X1Y1XY;X_1 Y_1 \neq XY;

X1Y1X_1 Y_1 gehört also nicht zur Menge. Und II) ist schon mitbewiesen.

  1. Es sei XX Unterzahl bei ξ\xi, YY Unterzahl bei η\eta und
Z<XY.Z < XY.

Dann ist

X(1XZ)=(X1X)Z=1Z=Z,X \left(\frac{1}{X} \cdot Z\right) = \left(X \cdot \frac{1}{X}\right) Z = 1 \cdot Z = Z, 1XZ<1X(XY)=(1XX)Y=Y,\frac{1}{X} \cdot Z < \frac{1}{X} \cdot (XY) = \left(\frac{1}{X} \cdot X\right) Y = Y,

also ZX\frac{Z}{X} Unterzahl bei η\eta. Die Gleichung

XZX=ZX \cdot \frac{Z}{X} = Z

zeigt also, daß ZZ zu unserer Menge gehört.

  1. Ist eine Zahl der Menge gegeben, so hat sie die Form XYXY, wo XX Unterzahl bei ξ\xi, YY Unterzahl bei η\eta ist. Man wähle bei ξ\xi eine Unterzahl
X1>X;X_1 > X;

dann ist

X1Y>XY,X_1 Y > XY,

also eine Zahl der Menge >XY> XY vorhanden.

Definition 36: Der in Satz 141 konstruierte Schnitt heißt ξη\xi \cdot \eta (\cdot sprich: mal; aber man schreibt den Punkt meist nicht). Er heißt auch das Produkt von ξ\xi mit η\eta oder der durch Multiplikation von ξ\xi mit η\eta entstehende Schnitt.

Satz 142 (kommutatives Gesetz der Multiplikation):

ξη=ηξ.\xi\eta = \eta\xi.

Beweis: Jedes XYXY ist auch YXYX und umgekehrt.

Satz 143 (assoziatives Gesetz der Multiplikation):

(ξη)ζ=ξ(ηζ).(\xi\eta)\zeta = \xi(\eta\zeta).

Beweis: Jedes (XY)Z(XY)Z ist auch X(YZ)X(YZ) und umgekehrt.

Satz 144 (distributives Gesetz):

ξ(η+ζ)=ξη+ξζ.\xi(\eta + \zeta) = \xi\eta + \xi\zeta.

Beweis: I) Jede Unterzahl bei ξ(η+ζ)\xi(\eta + \zeta) ist

X(Y+Z)=XY+XZ,X(Y + Z) = XY + XZ,

wo X,Y,ZX, Y, Z bzw. Unterzahlen bei ξ,η,ζ\xi, \eta, \zeta sind. Die Zahl XY+XZXY + XZ ist Unterzahl bei ξη+ξζ\xi\eta + \xi\zeta.

II) Jede Unterzahl bei ξη+ξζ\xi\eta + \xi\zeta hat die Form

XY+X1Z,XY + X_1 Z,

wo X,Y,X1,ZX, Y, X_1, Z bzw. Unterzahlen bei ξ,η,ξ,ζ\xi, \eta, \xi, \zeta sind. Im Falle XX1X \geqq X_1 sei die Zahl XX, im Falle X<X1X < X_1 die Zahl X1X_1 mit X2X_2 bezeichnet. Dann ist X2X_2 Unterzahl bei ξ\xi, also X2(Y+Z)X_2(Y + Z) Unterzahl bei ξ(η+ζ)\xi(\eta + \zeta). Aus

XYX2Y,XY \leqq X_2 Y, X1ZX2ZX_1 Z \leqq X_2 Z

folgt

XY+X1ZX2Y+X2Z=X2(Y+Z);XY + X_1 Z \leqq X_2 Y + X_2 Z = X_2(Y + Z);

also ist XY+X1ZXY + X_1 Z Unterzahl bei ξ(η+ζ)\xi(\eta + \zeta).

Satz 145: Aus

ξ>η bzw. ξ=η bzw. ξ<η\xi > \eta \text{ bzw. } \xi = \eta \text{ bzw. } \xi < \eta

folgt

ξζ>ηζ bzw. ξζ=ηζ bzw. ξζ<ηζ.\xi\zeta > \eta\zeta \text{ bzw. } \xi\zeta = \eta\zeta \text{ bzw. } \xi\zeta < \eta\zeta.

Beweis: 1) Aus

ξ>η\xi > \eta

folgt nach Satz 140 bei passendem vv

ξ=η+v,\xi = \eta + v,

also

ξζ=(η+v)ζ=ηζ+vζ>ηζ.\xi\zeta = (\eta + v)\zeta = \eta\zeta + v\zeta > \eta\zeta.
  1. Aus
ξ=η\xi = \eta

folgt natürlich

ξζ=ηζ.\xi\zeta = \eta\zeta.
  1. Aus
ξ<η\xi < \eta

folgt

η>ξ,\eta > \xi,

also nach 1)

ηζ>ξζ,\eta\zeta > \xi\zeta, ξζ<ηζ.\xi\zeta < \eta\zeta.

Satz 146: Aus

ξζ>ηζ bzw. ξζ=ηζ bzw. ξζ<ηζ\xi\zeta > \eta\zeta \text{ bzw. } \xi\zeta = \eta\zeta \text{ bzw. } \xi\zeta < \eta\zeta

folgt

ξ>η bzw. ξ=η bzw. ξ<η.\xi > \eta \text{ bzw. } \xi = \eta \text{ bzw. } \xi < \eta.

Beweis: Folgt aus Satz 145, da die drei Fälle beide Male sich ausschließen und alle Möglichkeiten erschöpfen.

Satz 147: Aus

ξ>η,ζ>v\xi > \eta, \quad \zeta > v

folgt

ξζ>ηv.\xi\zeta > \eta v.

Beweis: Nach Satz 145 ist

ξζ>ηζ\xi\zeta > \eta\zeta

und

ηζ=ζη>vη=ηv,\eta\zeta = \zeta\eta > v\eta = \eta v,

also

ξζ>ηv.\xi\zeta > \eta v.

Satz 148: Aus

ξη,ζ>v oder ξ>η,ζv\xi \geqq \eta, \quad \zeta > v \text{ oder } \xi > \eta, \quad \zeta \geqq v

folgt

ξζ>ηv.\xi\zeta > \eta v.

Beweis: Mit dem Gleichheitszeichen in der Voraussetzung durch Satz 145, sonst durch Satz 147 erledigt.

Satz 149: Aus

ξη,ζv\xi \geqq \eta, \quad \zeta \geqq v

folgt

ξζηv.\xi\zeta \geqq \eta v.

Beweis: Mit zwei Gleichheitszeichen in der Voraussetzung klar; sonst durch Satz 148 erledigt.

Satz 150: Für jede rationale Zahl RR bildet die Menge der rationalen Zahlen <R< R einen Schnitt.

Beweis: 1) Nach Satz 90 gibt es ein X<RX < R. RR selbst ist nicht <R< R.

  1. Ist
X<R,X1<X,X < R, \quad X_1 < X,

so ist

X1<R.X_1 < R.
  1. Ist
X<R,X < R,

so gibt es nach Satz 91 ein X1X_1 mit

X<X1<R.X < X_1 < R.

Definition 37: Der in Satz 150 konstruierte Schnitt heißt RR^*.

(Große lateinische Buchstaben mit Sternen bedeuten also Schnitte, nicht rationale Zahlen.)

Satz 151: ξ1=ξ\xi \cdot 1^* = \xi.

Beweis: ξ1\xi \cdot 1^* ist die Menge aller XYXY, wo XX Unterzahl bei ξ\xi und

Y<1Y < 1

ist.

Jedes solche XYXY ist <X< X, also Unterzahl bei ξ\xi.

Umgekehrt sei eine Unterzahl XX bei ξ\xi gegeben. Dann wähle man bei ξ\xi eine Unterzahl

X1>XX_1 > X

und setze

Y=XX1.Y = \frac{X}{X_1}.

Dann ist

Y<X1X1=1,Y < \frac{X_1}{X_1} = 1,

also

X=X1YX = X_1 Y

Unterzahl bei ξ1\xi \cdot 1^*.

Satz 152: Ist ξ\xi gegeben, so hat die Gleichung

ξv=1\xi v = 1^*

eine Lösung vv.

Beweis: Wir betrachten die Menge aller Zahlen 1X\frac{1}{X}, wo XX eine beliebige Oberzahl bei ξ\xi mit etwaiger Ausnahme der kleinsten (wenn es nämlich eine gibt) ist. Wir zeigen, daß diese Menge ein Schnitt ist.

  1. Es gibt eine Zahl der Menge; denn wenn XX eine Oberzahl bei ξ\xi ist, ist X+XX + X auch eine, aber nicht die kleinste, also
1X+X\frac{1}{X + X}

zur Menge gehörig.

Es gibt eine rationale Zahl, die nicht zur Menge gehört; denn ist X1X_1 irgend eine Unterzahl bei ξ\xi, so ist für alle Oberzahlen XX bei ξ\xi

XX1,X \neq X_1,

also, wegen

X1X=1=X11X1,X \cdot \frac{1}{X} = 1 = X_1 \cdot \frac{1}{X_1}, 1X1X1;\frac{1}{X} \neq \frac{1}{X_1};

1X1\frac{1}{X_1} ist daher nicht zu unserer Menge gehörig.

  1. Ist eine Zahl 1X\frac{1}{X} unserer Menge gegeben, also XX Oberzahl bei ξ\xi, und
U<1X,U < \frac{1}{X},

so ist

UX<(1X)X=1=U1U,UX < \left(\frac{1}{X}\right) X = 1 = U \cdot \frac{1}{U},

also

X<1U,X < \frac{1}{U},

also 1U\frac{1}{U} Oberzahl bei ξ\xi und nicht die kleinste; wegen

U=11/UU = \frac{1}{1/U}

ist also UU zu unserer Menge gehörig.

  1. Ist eine Zahl 1X\frac{1}{X} unserer Menge gegeben, also XX Oberzahl bei ξ\xi und nicht die kleinste, so wähle man bei ξ\xi eine Oberzahl
X1<XX_1 < X

und alsdann nach Satz 91 ein X2X_2 mit

X1<X2<X.X_1 < X_2 < X.

Dann ist X2X_2 Oberzahl bei ξ\xi und nicht die kleinste; aus

X21X<X1X=1=X21X2X_2 \frac{1}{X} < X \frac{1}{X} = 1 = X_2 \frac{1}{X_2}

folgt

1X2>1X,\frac{1}{X_2} > \frac{1}{X},

so daß wir eine Zahl unserer Menge gefunden haben, die größer ist als die gegebene.

Unsere Menge ist also ein Schnitt; er heiße vv.

Von ihm werden wir

ξv=1\xi v = 1^*

beweisen. Hierzu genügt es, zweierlei zu zeigen:

A) Jede Unterzahl bei ξv\xi v ist <1< 1.

B) Jede rationale Zahl <1< 1 ist Unterzahl bei ξv\xi v.

Ad A) Jede Unterzahl bei ξv\xi v hat die Form

X1X1,X \cdot \frac{1}{X_1},

wo XX Unterzahl bei ξ\xi, X1X_1 Oberzahl bei ξ\xi ist. Aus

X<X1X < X_1

folgt

X1X1<X11X1=1.X \cdot \frac{1}{X_1} < X_1 \cdot \frac{1}{X_1} = 1.

Ad B) Es sei

U<1.U < 1.

Wir wählen irgend eine Unterzahl XX bei ξ\xi und dann nach Satz 132 eine Unterzahl X1X_1 bei ξ\xi und eine Oberzahl X2X_2 bei ξ\xi mit

X2X1=(1U)X.X_2 - X_1 = (1 - U) X.

Dann ist

X2X1<(1U)X2,X_2 - X_1 < (1 - U) X_2, (X2X1)+UX2<(1U)X2+UX2=X2=(X2X1)+X1,(X_2 - X_1) + UX_2 < (1 - U)X_2 + UX_2 = X_2 = (X_2 - X_1) + X_1, UX2<X1,UX_2 < X_1, X2=(1UU)X2=1U(UX2)<1UX1=X1U.X_2 = \left(\frac{1}{U} \cdot U\right) X_2 = \frac{1}{U} (UX_2) < \frac{1}{U} \cdot X_1 = \frac{X_1}{U}.

X1U\frac{X_1}{U} ist also Oberzahl bei ξ\xi und nicht die kleinste. Aus

UX1U=X1U \cdot \frac{X_1}{U} = X_1

folgt

U=X1X1/U=X11X1/U;U = \frac{X_1}{X_1/U} = X_1 \cdot \frac{1}{X_1/U};

hier ist X1X_1 Unterzahl bei ξ\xi, 1X1/U\frac{1}{X_1/U} Unterzahl bei vv; also ist UU Unterzahl bei ξv\xi v.

Satz 153: Die Gleichung

ηv=ξ,\eta v = \xi,

wo ξ,η\xi, \eta gegeben sind, hat genau eine Lösung vv.

Beweis: I) Es gibt höchstens eine Lösung; denn für

v1v2v_1 \neq v_2

ist nach Satz 145

ηv1ηv2.\eta v_1 \neq \eta v_2.

II) Ist τ\tau die durch Satz 152 als vorhanden nachgewiesene Lösung von

ητ=1,\eta\tau = 1^*,

so genügt

v=τξv = \tau\xi

unserer Gleichung; denn nach Satz 151 ist

ηv=η(τξ)=(ητ)ξ=1ξ=ξ.\eta v = \eta(\tau\xi) = (\eta\tau)\xi = 1^*\xi = \xi.

Definition 38: Das vv des Satzes 153 heißt ξη\frac{\xi}{\eta} (sprich: ξ\xi durch η\eta). ξη\frac{\xi}{\eta} heißt auch der Quotient von ξ\xi durch η\eta oder der durch Division von ξ\xi durch η\eta entstehende Schnitt.

§ 5. Rationale Schnitte und ganze Schnitte

Definition 39: Ein Schnitt der Form XX^* heißt rationaler Schnitt.

Definition 40: Ein Schnitt der Form xx^* heißt ganzer Schnitt.

(Kleine lateinische Buchstaben mit Sternen bedeuten also Schnitte, nicht ganze Zahlen.)

Satz 154: Aus

X>Y bzw. X=Y bzw. X<YX > Y \text{ bzw. } X = Y \text{ bzw. } X < Y

folgt

X>Y bzw. X=Y bzw. X<YX^* > Y^* \text{ bzw. } X^* = Y^* \text{ bzw. } X^* < Y^*

und umgekehrt.

Beweis: I) 1) Aus

X>YX > Y

folgt, daß YY Unterzahl bei XX^* ist. YY ist Oberzahl bei YY^*. Also

X>Y.X^* > Y^*.
  1. Aus
X=YX = Y

folgt natürlich

X=YX^* = Y^*
  1. Aus
X<YX < Y

folgt

Y>X,Y > X,

also nach 1)

Y>X,Y^* > X^*, X<Y.X^* < Y^*.

II) Die Umkehrung ist klar, da die drei Fälle beide Male sich ausschließen und alle Möglichkeiten erschöpfen.

Satz 155:

(X+Y)=X+Y;(XY)=XYfalls X>Y;(XY)=XY;(XY) ⁣=XY.\begin{gathered} (X + Y)^* = X^* + Y^*; \\ (X - Y)^* = X^* - Y^* \quad \text{falls } X > Y; \\ (XY)^* = X^* Y^*; \\ \left(\frac{X}{Y}\right)^{\!*} = \frac{X^*}{Y^*}. \end{gathered}

Beweis: I) a) Jede Unterzahl bei X+YX^* + Y^* ist die Summe einer rationalen Zahl <X< X und einer rationalen Zahl <Y< Y; sie ist also <X+Y< X + Y, also Unterzahl bei (X+Y)(X + Y)^*.

b) Jede Unterzahl UU bei (X+Y)(X + Y)^* ist <X+Y< X + Y. Aus

UX+Y<1,\frac{U}{X + Y} < 1, U=XUX+Y+YUX+YU = X \cdot \frac{U}{X + Y} + Y \cdot \frac{U}{X + Y}

folgt, daß UU Summe einer rationalen Zahl <X< X und einer rationalen Zahl <Y< Y ist, also Unterzahl bei X+YX^* + Y^* ist.

Daher ist

(X+Y)=X+Y.(X + Y)^* = X^* + Y^*.

II) Aus

X>YX > Y

folgt

X=(XY)+Y,X = (X - Y) + Y,

also nach I)

X=(XY)+Y,X^* = (X - Y)^* + Y^*, (XY)=XY.(X - Y)^* = X^* - Y^*.

III) a) Jede Unterzahl bei XYX^* Y^* ist Produkt einer rationalen Zahl <X< X und einer rationalen Zahl <Y< Y; sie ist also <XY< XY, also Unterzahl bei (XY)(XY)^*.

b) Jede Unterzahl UU bei (XY)(XY)^* ist <XY< XY. Es werde nach Satz 91 eine rationale Zahl U1U_1 mit

U<U1<XYU < U_1 < XY

gewählt. Dann ist

U1X<Y\frac{U_1}{X} < Y

und

(UU1)X<X.\left(\frac{U}{U_1}\right) X < X.

Durch

U=((UU1)X)(U1X)U = \left(\left(\frac{U}{U_1}\right) X\right) \left(\frac{U_1}{X}\right)

ist also UU als das Produkt einer Unterzahl bei XX^* und einer Unterzahl bei YY^* dargestellt. UU ist also Unterzahl bei XYX^* Y^*.

Daher ist

(XY)=XY.(XY)^* = X^* Y^*.

IV)

X=(XY)Y,X = \left(\frac{X}{Y}\right) \cdot Y,

also nach III)

X=(XY) ⁣Y,X^* = \left(\frac{X}{Y}\right)^{\!*} Y^*, (XY) ⁣=XY.\left(\frac{X}{Y}\right)^{\!*} = \frac{X^*}{Y^*}.

Satz 156: Die ganzen Schnitte genügen den fünf Axiomen der natürlichen Zahlen, wenn 11^* an Stelle von 11 genommen wird und

(x)=(x)(x^*)' = (x')^*

gesetzt wird.

Beweis: QQ^* sei die Menge der ganzen Schnitte.

  1. 11^* gehört zu QQ^*.

  2. Zu xx^* ist (x)(x^*)' in QQ^* vorhanden.

  3. Stets ist

x1,x' \neq 1,

also

(x)1,(x')^* \neq 1^*, (x)1.(x^*)' \neq 1^*.
  1. Aus
(x)=(y)(x^*)' = (y^*)'

folgt

(x)=(y),(x')^* = (y')^*, x=y,x' = y', x=y,x = y, x=y.x^* = y^*.
  1. Eine Menge M\mathfrak{M}^* von ganzen Schnitten habe die Eigenschaften:

I) 11^* gehört zu M\mathfrak{M}^*.

II) Falls xx^* zu M\mathfrak{M}^* gehört, so gehört (x)(x^*)' zu M\mathfrak{M}^*.

Dann bezeichne M\mathfrak{M} die Menge der xx, für die xx^* zu M\mathfrak{M}^* gehört. Alsdann ist 11 zu M\mathfrak{M} gehörig und mit jedem xx von M\mathfrak{M} auch xx' zu M\mathfrak{M} gehörig. Also gehört jede ganze Zahl zu M\mathfrak{M}, also jeder ganze Schnitt zu M\mathfrak{M}^*.

Da ==, >>, <<, Summe, Differenz (wofern vorhanden), Produkt und Quotient bei rationalen Schnitten nach Satz 154 und Satz 155 den alten Begriffen entsprechen, haben die rationalen Schnitte alle Eigenschaften, die wir in Kapitel 2 für rationale Zahlen bewiesen haben, und insbesondere die ganzen Schnitte alle bewiesenen Eigenschaften der ganzen Zahlen.

Daher werfen wir die rationalen Zahlen weg, ersetzen sie durch die entsprechenden rationalen Schnitte und haben fortan in bezug auf das Bisherige nur noch von Schnitten zu reden. (Die rationalen Zahlen verbleiben aber in Mengen beim Begriff des Schnittes.)

Definition 41: (Das freigewordene Zeichen) XX bezeichnet den rationalen Schnitt XX^*, auf den auch das Wort rationale Zahl übergeht; ebenso geht das Wort ganze Zahl auf die ganzen Schnitte über.

Also schreiben wir jetzt z. B. statt

1+1=21^* + 1^* = 2^*

einfach

1+1=2.1 + 1 = 2.

Satz 157: Die rationalen Zahlen sind die Schnitte, bei denen es eine kleinste Oberzahl XX gibt. Und zwar ist alsdann XX der Schnitt.

Beweis: 1) Beim Schnitt XX (dem alten XX^*) ist XX (rationale Zahl im alten Sinne) kleinste Oberzahl.

  1. Gibt es bei einem Schnitt ξ\xi eine kleinste Oberzahl XX, so ist jede Unterzahl <X< X, jede Oberzahl X\geqq X, der Schnitt also XX (das alte XX^*).

Satz 158: Es sei ξ\xi ein Schnitt. Dann ist XX Unterzahl genau dann, wenn

X<ξ,X < \xi,

also Oberzahl genau dann, wenn

Xξ.X \geqq \xi.

Beweis: 1) Ist XX Unterzahl bei ξ\xi, so ist, da XX Oberzahl bei XX (dem alten XX^*) ist,

X<ξ.X < \xi.
  1. Ist XX Oberzahl bei ξ\xi und zwar die kleinste, so ist nach Satz 157
X=ξ.X = \xi.
  1. Ist XX Oberzahl bei ξ\xi und zwar nicht die kleinste, so wähle man eine kleinere Oberzahl X1X_1. Dann ist X1X_1 Unterzahl bei XX, also
X>ξ.X > \xi.

Satz 159: Ist

ξ<η,\xi < \eta,

so gibt es ein ZZ mit

ξ<Z<η.\xi < Z < \eta.

Beweis: Man wähle eine Oberzahl XX bei ξ\xi, die Unterzahl bei η\eta ist, und dann eine größere Unterzahl ZZ bei η\eta. Dann ist nach Satz 158

ξX<Z<η.\xi \leqq X < Z < \eta.

Satz 160: Jedes

Z>ξηZ > \xi\eta

läßt sich auf die Form bringen

Z=XY,X>ξ,Y>η.Z = XY, \quad X > \xi, \quad Y > \eta.

Beweis: Es bezeichne ζ\zeta den kleinsten der beiden Schnitte 11 und

Zξη(ξ+η)+1.\frac{Z - \xi\eta}{(\xi + \eta) + 1}.

Dann ist

ζ1,ζZξη(ξ+η)+1.\zeta \leqq 1, \quad \zeta \leqq \frac{Z - \xi\eta}{(\xi + \eta) + 1}.

Man wähle Z1Z_1 und Z2Z_2 nach Satz 159 mit

ξ<Z1<ξ+ζ,η<Z2<η+ζ.\xi < Z_1 < \xi + \zeta, \quad \eta < Z_2 < \eta + \zeta.

Dann ist

Z1Z2<(ξ+ζ)(η+ζ)=(ξ+ζ)η+(ξ+ζ)ζ(ξ+ζ)η+(ξ+1)ζ=(ξη+ζη)+(ξ+1)ζ=ξη+((ξ+η)+1)ζξη+(Zξη)=Z.\begin{aligned} Z_1 Z_2 &< (\xi + \zeta)(\eta + \zeta) = (\xi + \zeta)\eta + (\xi + \zeta)\zeta \leqq (\xi + \zeta)\eta + (\xi + 1)\zeta \\ &= (\xi\eta + \zeta\eta) + (\xi + 1)\zeta = \xi\eta + ((\xi + \eta) + 1)\zeta \leqq \xi\eta + (Z - \xi\eta) = Z. \end{aligned}

In

Z=ZZ2Z2Z = \frac{Z}{Z_2} \cdot Z_2

ist

X=ZZ2=Z1Z2>(Z1Z2)1Z2=Z1>ξ,Y=Z2>η;X = \frac{Z}{Z_2} = Z \cdot \frac{1}{Z_2} > (Z_1 Z_2) \cdot \frac{1}{Z_2} = Z_1 > \xi, \quad Y = Z_2 > \eta;

also ZZ in gewünschter Weise zerlegt.

Satz 161: Bei jedem ζ\zeta hat

ξξ=ζ\xi\xi = \zeta

genau eine Lösung.

Beweis: I) Es gibt höchstens eine Lösung; denn aus

ξ1>ξ2\xi_1 > \xi_2

folgt

ξ1ξ1>ξ2ξ2.\xi_1 \xi_1 > \xi_2 \xi_2.

II) Wir betrachten die Menge der rationalen Zahlen XX mit

XX<ζ.XX < \zeta.

Sie bildet einen Schnitt. Denn:

  1. Ist
X<1 und X<ζ,X < 1 \text{ und } X < \zeta,

so ist

XX<X1=X<ζ.XX < X \cdot 1 = X < \zeta.

Ist

X1 und Xζ,X \geqq 1 \text{ und } X \geqq \zeta,

so ist

XXX1=Xζ.XX \geqq X \cdot 1 = X \geqq \zeta.
  1. Aus
XX<ζ,Y<XXX < \zeta, \quad Y < X

folgt

YY<XX<ζ.YY < XX < \zeta.
  1. Es sei
XX<ζ.XX < \zeta.

Man wähle ZZ kleiner als der kleinste der beiden Schnitte 11 und

ζXXX+(X+1).\frac{\zeta - XX}{X + (X + 1)}.

Dann ist

Z<1,ZζXXX+(X+1);Z < 1, \quad Z \leqq \frac{\zeta - XX}{X + (X + 1)};

alsdann ist

X+Z>XX + Z > X

und

(X+Z)(X+Z)=(X+Z)X+(X+Z)Z<(XX+ZX)+(X+1)Z=XX+(X+(X+1))ZXX+(ζXX)=ζ.\begin{aligned} (X + Z)(X + Z) &= (X + Z)X + (X + Z)Z < (XX + ZX) + (X + 1)Z \\ &= XX + (X + (X + 1))Z \leqq XX + (\zeta - XX) = \zeta. \end{aligned}

Nennen wir den konstruierten Schnitt ξ\xi, so behaupten wir nunmehr

ξξ=ζ.\xi\xi = \zeta.

Wäre

ξξ>ζ,\xi\xi > \zeta,

so wählen wir ZZ nach Satz 159 mit

ξξ>Z>ζ.\xi\xi > Z > \zeta.

Als Unterzahl bei ξξ\xi\xi wäre

Z=X1X2,X1<ξ,X2<ξ;Z = X_1 X_2, \quad X_1 < \xi, \quad X_2 < \xi;

wenn XX die größte der Zahlen X1X_1 und X2X_2 bedeutet, wäre

X<ξ,X < \xi, ZXX<ζ,Z \leqq XX < \zeta,

gegen das Obige.

Wäre

ξξ<ζ,\xi\xi < \zeta,

so wählen wir ZZ nach Satz 159 mit

ξξ<Z<ζ.\xi\xi < Z < \zeta.

ZZ hätte nach Satz 160 die Form

Z=X1X2,X1>ξ,X2>ξ;Z = X_1 X_2, \quad X_1 > \xi, \quad X_2 > \xi;

wenn XX die kleinste der Zahlen X1X_1 und X2X_2 bedeutet, wäre

X>ξ,X > \xi, ZXXζ,Z \geqq XX \geqq \zeta,

gegen das Obige.

Definition 42: Jeder Schnitt, der keine rationale Zahl ist, heißt irrationale Zahl.

Satz 162: Es gibt eine irrationale Zahl.

Beweis: Es genügt zu zeigen, daß die nach Satz 161 vorhandene Lösung von

ξξ=1\xi\xi = 1'

irrational ist.

Sonst wäre

ξ=xy;\xi = \frac{x}{y};

unter allen solchen Darstellungen wählen wir nach Satz 27 eine solche, in der yy möglichst klein ist. Wegen

1=(xy)(xy)=xxyy1' = \left(\frac{x}{y}\right)\left(\frac{x}{y}\right) = \frac{xx}{yy}

ist

yy<1(yy)=xx=(1y)y<(1y)(1y),yy < 1'(yy) = xx = (1'y)y < (1'y)(1'y), y<x<1y.y < x < 1'y.

Wir setzen

xy=u.x - y = u.

Dann ist

y+u=x<1y=y+y,y + u = x < 1'y = y + y, u<y.u < y.

Nun ist

(v+w)(v+w)=(v+w)v+(v+w)w=(vv+wv)+(vw+ww)=(vv+1(vw))+ww,\begin{aligned} (v + w)(v + w) &= (v + w)v + (v + w)w = (vv + wv) + (vw + ww) \\ &= (vv + 1'(vw)) + ww, \end{aligned}

also,

yu=ty - u = t

gesetzt,

xx+tt=(y+u)(y+u)+tt=(yy+1(yu))+(uu+tt)=(yy+(1u)(u+t))+(uu+tt)=(yy+1(uu))+((1(ut)+uu)+tt)=(yy+1(uu))+(u+t)(u+t)=(yy+1(uu))+yy=1(yy)+1(uu)=xx+1(uu),\begin{aligned} xx + tt &= (y + u)(y + u) + tt = (yy + 1'(yu)) + (uu + tt) \\ &= (yy + (1'u)(u + t)) + (uu + tt) \\ &= (yy + 1'(uu)) + ((1'(ut) + uu) + tt) \\ &= (yy + 1'(uu)) + (u + t)(u + t) \\ &= (yy + 1'(uu)) + yy = 1'(yy) + 1'(uu) = xx + 1'(uu), \end{aligned} tt=1(uu),tt = 1'(uu),

gegen